Welche Physiotherapie verordnet die Ärztin bei Bandscheibenvorfall?
Ein Bandscheibenvorfall gehört auf dem Rezept zum Kürzel WS für Wirbelsäulenerkrankungen. Dieses Kürzel heißt Diagnosegruppe und steht für Ihre Art von Beschwerden. Es legt fest, welche Behandlungen möglich sind und wie viele auf ein Rezept passen.
Typisch ist ein Schmerz, der vom Rücken ins Bein ausstrahlt, weil der Vorfall eine Nervenwurzel reizt. Ihre Ärztin kann dafür zum Beispiel Krankengymnastik verordnen, auch an Geräten oder im Bewegungsbad, außerdem Manuelle Therapie oder Übungen in der Gruppe. Wärme, Kälte oder eine Streckbehandlung am Gerät kommen nur zusätzlich dazu, eine Strombehandlung darf Ihre Ärztin auch allein verordnen.
Die Fachgesellschaften raten in ihrer Leitlinie allerdings davon ab, die Streckbehandlung bei frischen Beschwerden mit ausstrahlendem Schmerz einzusetzen. Für die Zuzahlung gelten dieselben Regeln wie bei jeder Physiotherapie auf Rezept.
Auf einem Rezept stehen bis zu 6 Behandlungen, üblich sind insgesamt bis zu 18. Davon dürfen bis zu 12 eine feste Kombination aus mehreren Behandlungsarten sein. Empfohlen sind 1 bis 3 Termine pro Woche. Bei zusätzlichem Nervenschaden kann ein Rezept bis zu 12 Wochen abdecken.
| Frage | Im Normalfall | Bei zusätzlichem Nervenschaden oder schwerer Dauererkrankung |
|---|---|---|
| Wie viele Behandlungen stehen auf einem Rezept? | bis zu 6 | so viele, wie für bis zu 12 Wochen nötig sind |
| Wie viele Behandlungen sind insgesamt üblich? | bis zu 18, davon bis zu 12 als feste Kombination | keine feste Zahl, feste Kombinationen höchstens 12 |
| Wie lange gilt ein Rezept? | bis alle Behandlungen erledigt sind, mit höchstens 14 Tagen Pause | bis zu 12 Wochen am Stück |
| Wie oft pro Woche? | 1 bis 3 Termine | 1 bis 3 Termine |
Wann gibt es bei Bandscheibenvorfall ein Rezept für 12 Wochen?
Ein Bandscheibenvorfall allein reicht dafür nicht. Er steht weder auf der Liste der schweren Dauererkrankungen noch auf der Liste mit besonderem Bedarf, die Ärzte und Krankenkassen vereinbart haben.
Anders ist es, wenn Ihre Ärztin zusätzlich einen Schaden an der Nervenwurzel oder am Rückenmark feststellt. Auf dem Rezept steht jede Diagnose als kurzer Code aus Buchstaben und Zahlen. Erst beide Codes zusammen, der für die Bandscheibe und der für den Nervenschaden, lösen die Sonderregel aus.
Dann darf Ihre Ärztin ein Rezept für bis zu 12 Wochen am Stück ausstellen. Die Grenze von 6 Behandlungen je Rezept gilt dann nicht, und bei der Krankenkasse müssen Sie nichts beantragen.
Wann müssen Sie bei Bandscheibenvorfall sofort ins Krankenhaus?
Ein Kaudasyndrom ist ein Notfall. Dabei drückt ein großer Bandscheibenvorfall im unteren Rücken auf die Nervenwurzeln, die unter anderem Blase, Darm und Beine versorgen. Physiotherapie ist in diesem Fall nicht die richtige Behandlung, Sie gehören sofort in die Notaufnahme.
Rufen Sie bei diesen Warnzeichen den Rettungsdienst oder fahren Sie sofort in eine Notaufnahme:
- Sie können plötzlich nicht mehr Wasser lassen, oder Sie können den Harndrang nicht mehr halten.
- Urin oder Stuhl gehen ungewollt ab.
- Rund um After, Damm oder Genitalien fühlt sich die Haut taub an.
- Ein Bein oder beide Beine werden zunehmend schwach oder gelähmt.
- Der Schmerz lässt nach, während die Lähmung zunimmt.
Ein Kaudasyndrom durch einen Bandscheibenvorfall ist selten. Die Leitlinie der ärztlichen Fachgesellschaften nennt etwa 1,8 Fälle je 1 Million Einwohner. Wenn es auftritt, zählt die Zeit. Eine Auswertung vieler Studien fand bessere Ergebnisse, wenn innerhalb von 48 Stunden operiert wurde, und eine zweite Auswertung derselben Daten vermutet sogar einen Vorteil innerhalb von 24 Stunden.
Haben Sie Blasen- oder Darmprobleme, Taubheit im Intimbereich oder zunehmende Lähmungen?
Fahren Sie sofort in die Notaufnahme oder rufen Sie den Rettungsdienst. Physiotherapie kommt erst nach der ärztlichen Behandlung.
Strahlt der Schmerz ins Bein aus, oder kribbelt es dort?
Machen Sie zeitnah einen Termin bei Ihrer Hausärztin oder Orthopädin. Sie stellt die Diagnose und entscheidet über das Rezept.
Bei Rückenschmerz ohne Ausstrahlung reicht ein normaler Termin in der Arztpraxis.
Physiotherapie bei Bandscheibenvorfall ändert sich in vier Phasen
Die Behandlung ändert sich mit der Zeit. Die Leitlinie beschreibt für jede Phase, wofür Physiotherapie eingesetzt werden soll.
1. Frische Beschwerden mit starken Schmerzen
Die Physiotherapie soll Schmerzen lindern, den betroffenen Abschnitt der Wirbelsäule entlasten und verhindern, dass Muskeln abbauen. Kurz schonen ist in Ordnung, lange Schonung sollen Sie vermeiden. Sporttherapie ist jetzt noch nicht vorgesehen.
2. Der erste starke Schmerz lässt nach
Jetzt sollen Krankengymnastik und Bewegungstherapie dazukommen. Ziel ist, dass Sie Ihren normalen Alltag wieder aufnehmen.
3. Nach einer Operation
Krankengymnastik gehört fest zur Behandlung. Je nachdem, wie belastbar Sie sind, kann Bewegungstherapie dazukommen. Eine Übersichtsarbeit fand, dass ein Beginn 4 bis 6 Wochen nach der Operation Schmerz und Einschränkungen schneller verringert als keine Behandlung.
4. Die Beschwerden bleiben
Droht der Schmerz dauerhaft zu werden, sollte die Krankengymnastik weiterlaufen. Dazu kommt Sporttherapie, die neben Bewegung auch den Umgang mit Schmerz und die Angst vor Belastung einbezieht.
Wie lange sollten Sie sich bei Bandscheibenvorfall schonen?
Schonen Sie sich nur kurz, wenn der Schmerz es verlangt. Lange Schonung sollen Sie laut Leitlinie vermeiden. Die Fachleute raten, den normalen Alltag möglichst bald wieder aufzunehmen, weil das der Heilung hilft.
- Suchen Sie bei starken Schmerzen eine Haltung, die wenig weh tut, aber liegen Sie nicht durchgehend.
- Stehen Sie regelmäßig auf und gehen Sie kurze Strecken, solange keines der Warnzeichen auftritt.
- Beginnen Sie die Physiotherapie innerhalb von 28 Tagen nach dem Ausstellungsdatum, sonst verfällt das Rezept.
- Machen Sie die Übungen, die Ihnen die Physiotherapeutin zeigt, auch an Tagen ohne Termin.
- Melden Sie neues Kribbeln oder Taubheit sofort der Praxis, auch zwischen zwei Terminen.
Wann kommt Manuelle Therapie bei Bandscheibenvorfall infrage?
Manuelle Therapie darf Ihre Ärztin bei Bandscheibenvorfall verordnen, und die Praxis braucht dafür eine eigene Erlaubnis der Kassen. Die Therapeutin bewegt dabei Gelenke und Muskeln gezielt mit den Händen, ohne ruckartiges Einrenken.
Laut Leitlinie gilt dabei: Strahlt der Schmerz ins Bein aus, sollen am betroffenen Abschnitt der Wirbelsäule keine ruckartigen Griffe gemacht werden. Sind schon Ausfälle wie Schwäche oder Taubheit da, soll dort gar nicht manuell behandelt werden. Sind benachbarte Abschnitte blockiert, kann Manuelle Therapie dort eingesetzt werden.
Ob eine Operation besser ist als Physiotherapie, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin. Das hängt davon ab, ob Nerven ausfallen und wie sich die Beschwerden entwickeln.
Häufige Fragen
Was tun, wenn ich bei Rückenschmerzen plötzlich nicht mehr Wasser lassen kann?
Fahren Sie sofort in die Notaufnahme oder rufen Sie den Rettungsdienst, wenn Sie bei Rückenschmerzen plötzlich nicht mehr Wasser lassen können. Das kann ein Kaudasyndrom sein, bei dem ein großer Bandscheibenvorfall auf die Nervenwurzeln im unteren Rücken drückt. Eine Auswertung von Studien fand bessere Ergebnisse bei einer Operation innerhalb von 48 Stunden.
Wie viele Behandlungen Physiotherapie gibt es bei Bandscheibenvorfall?
Bei Bandscheibenvorfall stehen bis zu 6 Behandlungen Physiotherapie auf einem Rezept, üblich sind insgesamt bis zu 18. Hat Ihre Ärztin zusätzlich einen Nervenschaden als eigenen Code eingetragen, kann ein Rezept bis zu 12 Wochen abdecken. Die Grenze von 6 Behandlungen je Rezept gilt dann nicht.
Bekomme ich bei jedem Bandscheibenvorfall ein Rezept für 12 Wochen?
Nein, ein Bandscheibenvorfall allein reicht für ein Rezept über 12 Wochen nicht. Dafür muss Ihre Ärztin zusätzlich einen Schaden an der Nervenwurzel oder am Rückenmark als eigenen Code auf das Rezept schreiben. Erst beide Codes zusammen erlauben die längere Dauer.
Muss ich bei einem akuten Bandscheibenvorfall im Bett bleiben?
Nein, bei einem akuten Bandscheibenvorfall ist nur kurze Schonung sinnvoll, wenn der Schmerz es verlangt. Lange Schonung sollen Sie laut Leitlinie vermeiden. Sobald es geht, sollten Sie Ihren normalen Alltag wieder aufnehmen.
Muss ein Bandscheibenvorfall operiert werden?
Ein Bandscheibenvorfall muss meist nicht operiert werden, denn die Leitlinie rechnet bei etwa 80 bis 90 von 100 Betroffenen mit einer Besserung von selbst. Bei einem Kaudasyndrom ist die Operation dagegen das Mittel der Wahl. Bessert sich nach 6 bis 12 Wochen konsequenter Behandlung nichts, soll Ihre Ärztin eine Operation prüfen.
Wann beginnt die Physiotherapie nach einer Bandscheiben-Operation?
Krankengymnastik gehört nach einer Bandscheiben-Operation direkt zur Behandlung. Bewegungstherapie, die 4 bis 6 Wochen nach dem Eingriff beginnt, verringerte in einer Übersichtsarbeit Schmerz und Einschränkungen schneller als keine Behandlung. Manuelle Therapie am operierten Abschnitt sollen Sie mindestens 6 Wochen lang nicht bekommen.
